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  • AutorenbildNicole Anhalt

Experiment Pferdegewicht

Schwankungen des Pferdegewichts bei 7 Pferden über einen Zeitraum von 16 Monaten und im Überblick über 4 Jahre


In diesem Blogbeitrag stellt dir Nicole Anhalt ihre Daten, Erkenntnisse und Rückschlusse aus 4 Jahren Pferde wiegen in ihrem Stall vor.

Pferdegewicht, Pferdewaage
Salomé, Quarter Horse Stute auf der Pferdewaage

Als Vertreterin der mobilen Pferdewaage Hippobalance in der Schweiz für den Kanton Bern und als Pensionbesitzerin (www.stallulmiz.com) gehört seit März 2019 Pferde wiegen zu meinem «Pferdealltag» dazu. In den letzten 4 Jahren habe ich ca. 1’500 Pferde in Ställen in den Kantonen Bern, Freiburg, Jura, Neuenburg und Waadt gewogen.


Das Thema Fettleibigkeit bei Pferden und diätetische Massnahmen wie Futterreduktion, vermehrte Bewegung und Ergänzungsfuttermittel ist in den letzten 4 Jahren bei Pferdebesitzern ein immer bedeutenderes Thema.


Das regelmässige Wiegen und somit das Überprüfen des Futterzustandes und des Gewichtes gehören zur Pflege eines Pferdes daher unserer Meinung nach dazu.


Die Pferde in meinem Pensionsstall werden seit März 2019 zweimal jährlich gewogen - im März und im Oktober, also vor und nach der Weidesaison. Gewisse Trends von Gewichtszu- und -abnahme haben sich dabei herausgestellt.


Im Oktober 2021 wollte ich es noch genauer wissen: wie verändert sich das Pferdegewicht monatlich unter möglichst natürlichen Haltungsbedingungen bei ad libitum Futterangebot - mit Weide von Frühjahr bis Herbst und ohne Weide von Herbst bis Frühjahr.

Wie bin ich vorgegangen - Methode


In meinem Pensionsstall haben 8 bis 12 Pferde Platz. Aufgrund von Stallwechseln betrachte ich für dieses Experiment nur die Daten von 7 Pferden.


Von Oktober 2021 bis Januar 2023 wurden diese 7 Pferde einmal pro Monat gewogen - immer am letzten Samstag des Monats zwischen 7 und 9 Uhr.

Es wurde immer zur gleichen Zeit gewogen, um eventuelle Gewichtsschwankungen, die während des Tages auftreten können, auszuschliessen. Ebenso wurde die Waage immer an der gleichen Stelle im Stall aufgestellt.


Pferde: Die Datengruppe besteht aus 2 Wallachen und 5 Stuten im Alter von 5 bis 25 Jahren zu Beginn des Experiments und 7 bis 27 Jahre am Ende des Experiments. Die Rassen sind Quarter Horses, Paint Horses und Freiberger.


Haltung: Offenstall mit Trail (ca. 800 m), 5 Fressplätze ohne Heunetze, 2 Wasserstellen, ca. 2.5 Hektar Weideland.


Bewegung: Von den 7 Pferden wird ein Pferd regelmässig geritten/bewegt und zwei Pferde gehen mehrmals wöchentlich spazieren. Die restlichen 4 Pferde wurden während der 16 Monate nicht zusätzlich zur Bewegung im Offenstall bewegt.


Heufütterung: Heu steht immer zur Verfügung, auch während der Weidesaison. Während der Weidesaison fressen die Pferde im Durchschnitt zwischen 1 und 2 kg Heu pro Tag pro Pferd. Im Winter fressen die Pferde je nach Wetter zwischen 8 und 13 kg pro Tag pro Pferd.


Weidegang: Die Weidesaison beginnt je nach Wetter im März/April. Die Pferde gehen anfangs ca. 1.5 Std. pro Tag auf die Weide. Bis Anfang/Mitte Mai wird die Weidezeit auf 8 bis 10 Std. pro Tag gesteigert. Danach wird auf 24 Std. Weidezugang umgestellt. Die Weiden werden im Oktober/November je nach Wetter für den Winter geschlossen.

Weidepflege: Unsere Weiden bestehen aus alten Magerweiden (0.5 Hektar) sowie Weiden mit spezieller Pferdesaatmischung (2 Hektar). Die Weiden werden nach Bedarf gedüngt, gemulcht und gestriegelt sowie täglich abgebollt. Zu Beginn der Weidesaison im März lassen wir den ersten Wuchs abfressen. Danach werden die Weiden so rotiert, dass jede neue Weide zu Beginn des Weidens ca. hüfthohes Gras hat. Während des Sommers rotieren wir die Weiden so, dass es immer möglichst hohes Gras hat.


Zusatzfutter: Alle Pferde wurden während der 16 Monate komplett natürlich gefüttert, bekommen alle regelmässig Kräuter angeboten und erhalten natürliches Mineralfutter. Holz und Knabberäste stehen zur Verfügung.


Auswertung der Wiegedaten


Die Daten wurden zwischen dem 23. Oktober 2021 und 29. Januar 2023 erhoben. Es wurde der Mittelwert aller Gewichte während der 16 Monate ermittelt. Davon wurde die grösste Abweichung nach oben und nach unten in kg sowie prozentual ermittelt. Weiterhin wurden die grössten Gewichtsabnahmen und -zunahmen in kg sowie prozentual ermittelt.

Die grösste Gewichtsabnahme wurde von Oktober auf November 2021 festgestellt und betrug zwischen 22 und 86 kg bzw. zwischen 4 und 15% Gewichtsverlust. Dies fällt zusammen mit dem Schliessen der Weide Ende Oktober und der Umstellung auf Heufütterung.

Von März bis Mai 2022 wurde die höchste Zunahme verzeichnet - zwischen 10 und 40 kg bzw. 1 bis 8 % Gewichtszunahme. Dies fällt zusammen mit dem Beginn der Weidesaison, als die Weiden von ca. 1.5 Std. pro Tag auf ca. 8 bis 10 Std. pro Tag gesteigert wurden.


Bis August 2022 bei 24 Std. Weidegang nahmen die Pferde wieder ab - zwischen 44 und 92 kg bzw. zwischen 8 und 11% Gewichtsverlust. Der Sommer 2022 war sehr trocken. Daher war das Grass sehr überständig, sehr trocken. Es wuchs kein neues Gras nach und bis zum August waren die Weiden abgefressen.


Zusammenfassung der Testdaten


Die nächste Grafik zeigt die Übersicht aller 7 Pferde, die für das Experiment ausgewählt wurden. Hier wurde der Mittelwert ermittelt, die Abweichung nach oben und unten in Kilogramm und Prozent. Ebenso findest du hier die Daten zur grössten Gewichtszunahme und Abnahme für den Zeitraum von 16 Monaten - in Kilogramm und in Prozent.


Die nachstehenden Grafiken stellen 5 Pferde verschiedenen Alters in der Einzelansicht dar.


Wie auf den Grafiken sehen kann, hängen die Ab- und Zunahme des Gewichtes direkt mit Zugang zu den Weiden, d. h. frischem Gras, zusammen - egal, ob die Pferde zusätzlich zur Bewegung im Offenstall bewegt werden oder nicht.

Zu Beginn der Weidesaison mit frischem Frühjahrsgras steigt das Gewicht rasant an. Über den Sommer bis zum Herbst sinkt das Gewicht langsam aber stetig wieder.


Die hohe Gewichtsabnahme von Oktober 21 zu November 21 trifft genau mit dem Schliessen der Weiden und Umstellung auf nur Heu Ende Oktober zusammen. Diesen Gewichtsverlust setze ich in Beziehung zum fehlenden Wasser im Futter - d.h. dies ist kein Verlust von Fett, sondern von Wasser im Gewebe. Das gleiche gilt für die Gewichtszunahme zu Beginn der Weidesaison, nämlich mehr Wasser im Futter und dem stetigen Abnehmen des Wassergehaltes im Futters über den Sommer, welches wiederum zu einer Gewichtsabnahme führt.







Übersicht Gewicht im Verlauf von 4 Jahren (2019 - 2022)


Wenn wir das ganze nun über einen Verlauf von 4 Jahren betrachten wollen, dann kann ich die Daten von 7 Pferden von März 2019 bis November 2022 analysieren. Hier stelle ich dir die Daten von 4 Pferden als Grafik dar, da sie repräsentativ für die Testgruppe stehen.


2019 haben wir die Weide noch portioniert ohne 24 Stunden Weidegang. Ab 2020 haben wir auf 24 Stunden Weidegang von ca. Mai bis September umgestellt.


In den folgenden Grafiken habe ich jeweils die Daten genommen, die mit dem Öffnen und Schliessen der Weiden zusammen fallen (März/April und Oktober/November) - da gemäss Analyse der Daten die Gewichtsab- und zunahme im direkten Zusammenhang mit Zugang zu frischem Gras steht.

Bei diesen Grafiken muss man beachten, dass die erste Grafik das Gewicht einer Quarter Stute im Wachstum von 3 bis 6jährig betrifft. D. h. eine stetige Zunahme des Gewichts in diesem Alter noch normal ist.


Die letzte Grafik betrifft einen älteren FM/Paint Wallach von 22 bis 25jährig. In diesem Alter kann eine Gewichtsabnahme normal sein - dies im Zusammenhang von Muskelabbau im Alter. Dieser Wallach wird noch regelmässig ausserhalb des Offenstalls bewegt und geritten.


Bei den anderen beiden Stuten bewegen sich die Gewichtsab- und -zunahme relativ identisch, auch wenn sie vom Alter her 10 Jahre auseinander liegen.


Das Jahr 2022 war insofern besonders, als dass der Sommer bis ca. Ende August sehr trocken war. Das Gras wuchs nicht mehr und die Weiden waren abgefressen. Mit stärkeren Regenfällen ab Anfang September wuchs jedoch nochmals viel Gras nach, so dass unsere Herde bis zum 20. November noch Zugang zur Weide und zu viel frischem Gras hatte. Das heisst, dass die grösste Gewichtsabnahme bereits im August stattfand und die Pferde im Herbst nochmals Gewicht zugenommen haben.






Zusammenfassung


Als erstes möchte ich vorausschicken, dass es in diesem Experiment nicht um das Idealgewicht oder Idealfigur der Pferde ging. Es ging nur darum zu erörtern, wie sich das Pferdegewicht unter möglichst natürlichen Fütterungs- und Haltungsbedingungen verändert, ob 24 Stunden Weidegang und zusätzliche Bewegung ausserhalb des Offenstalls einen wesentlichen Einfluss auf das Gewicht hat.




Wenn wir diese Tabelle betrachten, dann sieht man, dass Abweichungen vom Durchschnittsgewicht von 4 bis 9% nach unten bzw. 5 bis 8% nach oben während 16 Monaten bei allen Pferden als normal betrachtet werden können - dies unabhängig davon, ob die Pferde zusätzlich bewegt oder geritten werden.

Die höchsten Gewichtsabnahmen finden statt, wenn das Wasser im Futter zurück geht - d. h. entweder trockenes Gras im Sommer/Herbst oder Umstellung von Gras/Heu auf nur Heu.


Die höchsten Gewichtszunahmen finden statt, wenn das Wasser im Futter zunimmt - d. h. frisches Gras im Frühjahr und evtl. Herbst.


Wenn wir uns die Differenz von geringstem zu höchstem Gewicht während der 16 Monate anschauen, dann sind Gewichtsunterschiede von 54 bis zu 104 kg zu verzeichnen.


Dies kann im Zusammenhang mit Zugang zu wasserhaltigem Futter wie Gras ebenso als normal bezeichnet werden und wird von mir daher nicht als Fettzunahme, sondern als Wasserzunahme im Gewebe verzeichnet.

Diese Annahmen hängen meines Erachtens stark mit folgenden Faktoren im Zusammenhang:

  • Grösse des Offenstalles

  • Strukturierung des Offenstalles - Bewegungsanreize

  • Herdenzusammensetzung und damit die Dynamik der Gruppe

  • Weiden ohne «Hochleistungsgräser»

Weiterhin gilt zu beachten, dass nur die älteren Pferde im Winter zusätzlich Heucobs oder anderes energiereiches Zusatzfutter erhalten haben.


Mein Fazit ist, dass ich dankbar bin, dass Gewicht unserer Herde und meiner Pferde regelmässig wiegen zu können und mir so einen Überblick über Futter- und Gewichtszustand verschaffen kann. Ebenso mache ich mir weniger Sorgen, wenn das Gewicht etwas rauf oder runter geht, da ich weiss, dass gewisse Schwankungen normal sind. Natürlich hinterfrage ich grössere Schwankungen und insbesondere bei älteren Pferden können wir so das Gewicht im Auge behalten und ggf. zufüttern.


Für mich stellt es jedoch auch die weit verbreitete rationierte Fütterung von Heu und Gras in Frage.

Stark rationierte Fütterung von Raufutter wie Heu bringt Pferde in psychischen Dauerstress, dass nicht genug Futter zur Verfügung steht und damit in Überlebensangst - die leider für uns nicht offensichtlich ist. Dauerstress führt zu erhöhter Ausschüttung von Hormonen, die wiederum zu Fetteinlagerungen führen können. Sicherlich kann man das Gewicht durch rationierte Fütterung reduzieren, man sollte jedoch darauf achten, dass dies nicht zu erhöhtem Stress beim Pferd führt.


Insbesondere Gras gehört für mich zur natürlichen Pferdefütterung dazu, da es quasi eine Vitamin- und Mineralstoffbombe für unsere Pferde ist. Ganz abgesehen davon, dass wir in unseren Haltungsbedingungen nur durch Weidegang über einen grösseren Zeitraum im Jahr die natürliche Fresshaltung der Pferde zur Verfügung stellen können.


Die andere Frage, die ich mir stelle, sind die gängigen Verbreitungen vom Idealgewicht der verschiedenen Rassen (auch wenn in Verbindung mit dem Stockmass) und damit verbunden die Berechnung des Reitergewichtes.

Es ist klar, dass das Gewicht von Reiter inkl. Sattel und Equipment dem Pferd angepasst sein sollte. Welches Gewicht nehmen wir jedoch zur Berechnung eines bestimmten Prozentsatzes? Nehmen wir das geringste Gewicht oder nehmen wir den Mittelwert? Welcher Pferdebesitzer kann diese Gewichte so genau bestimmen, wenn das Gewicht nicht mindestens 2mal jährlich überprüft wird? Eine Momentaufnahme des Gewichtes sollte nicht dazu führen, auf gewisse prozentuale Anteile das Reitergewicht zu berechnen.


Für die Gewichtsberechnung des Hängergewichtes sollten Pferde regelmässig gewogen werden, so dass man zumindest einen Mittelwert berechnen kann. Oder dass man bei der Berechnung immer vom höchsten Gewicht ausgeht, damit die Anhängelast nicht überschritten wird.


Für Wurmkuren, Sedation, Medikamente und Rationsberechnung sollten Pferde ebenso regelmässig gewogen werden, denn auch das Auge des Tierarztes kann sich oft täuschen.


So ist es bei uns passiert, dass sich der Tierarzt um 100 kg für die Gabe eines Antibiotikums verrechnet hat. Das hiess in diesem Fall, dass das Pferd eine um 100 kg zu geringe Dosis erhalten hätte und somit die Wirksamkeit nicht voll gegeben gewesen wäre.

Bezüglich der Überprüfung mit dem Gewichtsmassband haben wir von der Pferdewaage festgestellt, dass es Unterschiede von 0 bis 100 kg im Vergleich zum effektiven Gewicht auf der Waage geben kann.


Meine Empfehlung ist daher das Gewicht des Pferdes zweimal jährlich zu überprüfen und dies, wenn möglich, immer zum ungefähr gleichen Zeitpunkt. Zum Beispiel Februar/März/April/Mai und dann wieder September/Oktober/November.

Gewicht in Fotos über 4 Jahre


Zum Abschluss zeige ich hier die Fotos meiner Quarter Stute Salomé von März 2019 bis November 2022 - denn nur mit dem Auge ist es oft nicht einfach auf das Gewicht zurückzuschliessen. Dargestellt ist Salomé’s Entwicklung von 20jährig bis 23jährig - die Stute wird nicht mehr geritten. Sie bekam in dieser Zeit im Winter keine Heucobs zusätzlich.


Gewicht in Fotos über 16 Monate


Hier Salomé nochmal in Fotos über 16 Monate - von Oktober 2021 bis Januar 2023.




Wir freuen uns auf deine Kommentare zu diesem Blogbeitrag zum Pferdegewicht! Oder schreib uns gerne, wenn du Fragen hast.


Die aktuellen Touren in der ganzen Schweiz findest du hier.


Wir freuen uns auf den nächsten Wiegetermin bei dir im Stall!


Dein Team von der Hippobalance, Daniela und Nicole

5 Kommentare

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5 Comments

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Guest
Mar 01, 2023
Rated 5 out of 5 stars.

So total spannend! Danke viel mal für Eure Mühen. Und da sieht mann/frau wie das mit 24h Heu funktioniert... ich finde es oftmals nur eine ausrede nicht nach dem "richtigen" Heu Ausschau zu halten wenn die Umsetzung doch so gut funktioniert.

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Guest
Mar 01, 2023
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Danke für deinen Kommentar! Ich glaube, es ist eben drum nicht nur das Heu, sondern auch die anderen Faktoren, wie Herdenzusammensetzung, Grösse des Stalles etc. Unser Heu hat einen Gesamtzuckergehalt von 7 bis 13% und das mischen wir. Liebe Grüsse, Nicole (die Autorin)

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Guest
Mar 01, 2023
Rated 5 out of 5 stars.

sehr spannend, danke!

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Guest
Mar 01, 2023
Rated 5 out of 5 stars.

Mega interessant! Danke!

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Guest
Feb 26, 2023
Rated 5 out of 5 stars.

Super Beitrag!

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